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Nach Bootsunglück mit 62 Toten sucht Küstenwache in Italien weiter nach Opfern
Einen Tag nach dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer vor der Küste Italiens mit 62 Toten hat die Küstenwache ihre Suche nach Opfern fortgesetzt. Örtlichen Behörden zufolge wurden am Montag noch immer 20 Menschen vermisst, darunter nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children "viele Minderjährige". Derweil fachte das Unglück die Debatte in Italien zu Rettungsmaßnahmen für Migranten weiter an.
Das Boot war nach Angaben der Küstenwache am frühen Sonntagmorgen bei Crotone vor Kalabrien bei heftigem Seegang wenige Meter vom Ufer entfernt an einem Felsen zerschellt. Medienberichten zufolge war es vergangene Woche vom türkischen Izmir aus in See gestochen.
Wie die Behörden am Montag mitteilten, dauerte die Suche nach etwa 20 Vermissten am Montag weiter an. Gerettete hatten zuvor unterschiedliche Angaben zur Anzahl der Bootsinsassen gemacht. Medienberichten zufolge wurden inzwischen drei mutmaßliche Menschenhändler verhaftet. Nach einem vierten wurde demnach noch gefahndet.
Das pakistanische Außenministerium teilte am Montag mit, dass sich unter den Geretteten 16 Pakistaner befanden, vier weitere würden jedoch vermisst. Ein mit der Bekämpfung von Menschenhandel betrauter pakistanischer Beamter sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass jedes Jahr schätzungsweise 40.000 Pakistaner versuchten, in europäische Länder zu gelangen.
Die Hilfsorganisation Save the Children teilte im Kurzbotschaftendienst Twitter mit, sie unterstütze Überlebende, die aus Afghanistan, Pakistan, Somalia und Syrien stammten, darunter auch zehn Minderjährige, die mit ihren Familien unterwegs gewesen seien. "Es gibt viele vermisste Minderjährige", schrieb die Organisation auf Twitter. Einige der Geretteten hätten "Verwandte ins Wasser fallen und verschwinden oder sterben sehen".
Der Leiter des Teams von Ärzte ohne Grenzen, Sergio di Dato, sagte, einige der geretteten Kinder seien durch das Unglück zu Waisen geworden. "Ein zwölfjähriger afghanischer Junge hat seine gesamte Familie verloren, alle neun - vier Geschwister, seine Eltern und andere sehr nahe Verwandte", sagte er Journalisten.
Der Rettungstaucher David Morabito sagte dem italienischen Rundfunk Rai, er habe die Leichen von Zwillingen aus dem Wasser geborgen. "Wenn man die kleinen, leblosen Körper der Kinder sieht, durchbohren diese Bilder das Herz", sagte er.
Mehrere italienische Zeitungen hatten dem Bootsuntergang am Montag die Titelseite gewidmet: "Das Massaker an den Unschuldigen" titelte etwa die Turiner Tageszeitung "La Stampa" und veröffentlichte ein Foto der Trümmer des Boots.
Italiens rechtsgerichtete Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte angesichts der Todesfälle erklärt, es sei "kriminell, ein kaum 20 Meter langes Boot mit 200 Menschen an Bord und einer schlechten Wettervorhersage in See stechen zu lassen". Die Regierung sei "entschlossen, die Abfahrt (von Migrantenbooten) und damit diese Art von Tragödie zu verhindern".
Der Programmdirektor von Ärzte ohne Grenzen Italien, Marco Bertotto, bezeichnete die Reaktion Melonis als "weiteren Schlag ins Gesicht der Opfer und Überlebenden dieser Tragödie". Seenotrettung dürfe nicht mit illegaler Einwanderung verwechselt werden.
Meloni hatte im Oktober die Amtsgeschäfte in Rom übernommen. Ihre weit rechts stehende Regierung hatte im Wahlkampf angekündigt, die Ankünfte von Flüchtlingen in Italien zu stoppen.
Erst vor wenigen Tagen hatte das italienische Parlament ein umstrittenes Gesetz der Regierung zum Umgang mit Flüchtlingen im Mittelmeer verabschiedet. Es zwingt Rettungsschiffe dazu, pro Einsatz nur eine Bergungsaktion auszuführen. Nach Einschätzung der Kritiker wird dies das Risiko von Todesfällen im Mittelmeer deutlich erhöhen.
Italien ist wegen seiner geografischen Lage besonders häufig ein Ziel von Migranten, die von Nordafrika nach Europa gelangen wollen. Nach Angaben des italienischen Innenministeriums sind seit Anfang des Jahres rund 14.000 Flüchtlinge in Italien angekommen. Im Vorjahreszeitraum waren es etwa 5200 gewesen.
E.Flores--AT