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Johnson verzichtet auf Kandidatur für Truss-Nachfolge
Nach tagelangen Spekulationen hat der ehemalige britische Regierungschef Boris Johnson einer erneuten Kandidatur für das Amt eine Absage erteilt. Er werde sich nicht um die Nachfolge der scheidenden Premierministerin Liz Truss bewerben, erklärte Johnson am Sonntagabend. Favorit für das Amt des Partei- und damit auch des Regierungschefs ist damit Ex-Finanzminister Rishi Sunak, den Johnson-Anhänger für dessen Sturz im Juli verantwortlich machen.
"In den vergangenen Tagen bin ich leider zu dem Schluss gekommen, dass es einfach nicht das Richtige wäre", erklärte Johnson. "Sie können nicht effektiv regieren, wenn Sie keine geeinte Partei im Parlament haben." Die nötige Unterstützung habe er aber gehabt, betonte Johnson und sprach von 102 Abgeordneten der konservativen Tories, die für hinter ihm stünden.
"Ich glaube, ich habe viel anzubieten, aber ich fürchte, es ist einfach nicht die richtige Zeit", führte der Ex-Premier aus. So sehe er sich gut aufgestellt, die Tories bei den Parlamentswahlen 2024 erneut zu einem Wahlsieg zu führen.
Johnson bestätigte Medienberichte, wonach er sich am Samstag mit Sunak getroffen hatte, um den Spielraum für eine einvernehmliche Lösung auszuloten. Auch mit Penny Mordaunt habe er gesprochen, die als erste ihren Hut in den Ring geworfen hatte. "Ich hatte gehofft, dass wir uns im nationalen Interesse zusammenfinden könnten, aber leider waren wir nicht in der Lage, einen Weg zu finden, dies zu tun", erklärte Johnson.
Nach dem Rücktritt von Truss nach nur sechs Wochen im Amt hatten sich mehrere Kabinettsmitglieder für ein Comeback Johnsons ausgesprochen. Der 58-Jährige brach daraufhin einen Karibik-Urlaub ab und kehrte nach London zurück.
Johnsons Nachfolgerin Truss hatte am Donnerstag angesichts massiven Drucks auch aus der eigenen Partei ihren Rücktritt verkündet. Grund waren schwere Fehler in der Finanz- und Steuerpolitik, die zu heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten geführt hatten.
"Das Vereinigte Königreich ist ein großartiges Land, aber wir stehen vor einer tiefen Wirtschaftskrise", erklärte Sunak im Kurzbotschaftendienst Twitter. Deshalb kandidiere er für den Vorsitz seiner konservativen Regierungspartei und damit auch für das Amt des Regierungschefs. "Ich möchte unsere Wirtschaft in Ordnung bringen, unsere Partei einen und etwas für unser Land tun."
Der frühere Banker Sunak war von 2019 bis vergangenen Juli Finanzminister, bevor er aus Protest gegen Johnsons zahlreiche Affären zurücktrat und damit zum vorzeitigen Ende von dessen Amtszeit beitrug. Anfang September unterlag der 42-jährige Sunak dann im Rennen um Johnsons Nachfolge gegen Truss.
Die Bewerber um ihre Nachfolge müssen bis Montag die Unterstützung von mindestens 100 der 357 Tory-Abgeordneten vorweisen. Danach müssen sich die Abgeordneten entweder auf zwei Kandidaten einigen, über welche die Parteimitglieder bis kommenden Freitag abstimmen, oder sie bestimmen direkt einen Kandidaten, der in die Downing Street einzieht.
Laut der Website "Guido Fawkes" kam Sunak am Sonntagabend auf 146 Unterstützer, Johnson auf 57 und das für Parlamentsfragen zuständige Kabinettsmitglied Mordaunt auf 24.
Laut einer Umfrage des "Sunday Telegraph" hätte Johnson bei den Parteimitgliedern die größten Chancen gehabt. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen meinen demnach, dass er der beste Premierminister wäre; nur 28 Prozent sprechen sich für Sunak aus.
Laut einer neuen YouGov-Umfrage waren allerdings 52 Prozent der britischen Wählerinnen und Wähler dagegen, dass Johnson an die Macht zurückkehrt. Gleichzeitig liegt die wichtigste Oppositionspartei Labour derzeit in den Umfragen deutlich vor den Konservativen. Deren Parteichef Keir Starmer forderte erneut Neuwahlen: "Das Land muss sich von diesem Chaos befreien", sagte Starmer der BBC.
D.Johnson--AT