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Venezuela: Suche nach Erdbeben-Überlebenden hält an - bislang mehr als 1400 Tote
In Venezuela suchen Rettungsmannschaften trotz schwindender Hoffnungen weiter in den Trümmern eingestürzter Gebäude nach Überlebenden des schweren Doppel-Erdbebens. Der Präsident der venezolanischen Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, bezifferte die Zahl der Toten am Samstag (Ortszeit) auf inzwischen 1430, weitere 3238 Menschen wurden seinen Angaben zufolge verletzt. Doch es gab auch Lichtblicke: Ein elfjähriger Junge und ein Baby wurden lebend aus den Trümmern geborgen.
Das Doppel-Beben hatte sich am Mittwochabend im Abstand von nur 39 Sekunden westlich der Hauptstadt Caracas ereignet. Die beiden Erdstöße hatten eine Stärke von 7,2 und 7,5, in den folgenden Stunden wurden dutzende Nachbeben registriert.
Der Chef des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten (Ocha), Tom Fletcher, sagte der Nachrichtenagentur AFP am Freitag in Genf, es würden noch mehr als 50.000 Menschen vermisst. Eine UN-Schätzung bezifferte den Sachschaden auf 6,7 Milliarden US-Dollar (knapp 5,9 Milliarden Euro), was etwa sechs Prozent von Venezuelas Bruttoinlandsprodukt entspricht.
Bis zu 6,7 Millionen Menschen könnten Berechnungen der UN-Organisation für Migration (IOM) zufolge von der Erdbebenkatastrophe betroffen sein. Sie benötigen demnach "Notunterkünfte, sicheres Wasser, Sanitäreinrichtungen und Hygiene-Versorgung, Gesundheitsversorgung, Schutz und lebensnotwendige Güter".
Laut Parlamentspräsident Rodríguez entsandten inzwischen 21 Länder Such- und Rettungsteams nach Venezuela. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte am Sonntag im Onlinedienst X, die EU habe den Europäischen Katastrophenschutz-Mechanismus aktiviert, um Hilfe zu schicken. Zudem seien bereits fünf Millionen Euro an Nothilfe bereitgestellt worden. "Europa steht in dieser Stunde der Not an der Seite Venezuelas."
Am Wochenende traf auch ein 48-köpfiges Team des Technischen Hilfswerks (THW) in Caracas ein, wie THW-Präsidentin Sabine Lackner mitteilte. Zu dem Team gehörten ihren Angaben zufolge auch Suchhunde, die dabei helfen sollten, Überlebende in den Trümmern zu finden.
Die venezolanische Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez teilte am Samstag (Ortszeit) im Onlinedienst X mit, ein elfjähriger Junge sei in Caraballeda gerettet worden. "In diesem Moment ist jedes Leben eine Quelle der Hoffnung für Venezuela", erklärte sie.
Bereits am Freitag war in der am stärksten betroffenen Küstenstadt La Guaira ein Baby lebend geborgen worden. Nach Angaben eines Internetnutzers, der ein Video der Rettung in den Onlinenetzwerken veröffentlichte, hatte das erst 18 Tage alte Baby 32 Stunden unter den Trümmern festgesteckt und war bei seiner Rettung unverletzt. Die Mutter des Säuglings wurde eine Stunde später gerettet.
Fachleute zufolge sind die ersten 72 Stunden nach einer Naturkatastrophe entscheidend, um noch Überlebende zu finden. Viele Menschen versuchten, mit bloßen Händen die Trümmer zur Seite zu räumen - in der Hoffnung, noch Verschüttete bergen zu können.
"Es ist alles einfach nur sehr chaotisch, heiß und unorganisiert", sagte der australische Feuerwehrmann Craig Demeillon, der auf eigene Faust aus den USA nach La Guaira gekommen war, um zu helfen. "Hoffentlich gibt es noch Menschen, die wir finden können."
In der Bevölkerung wuchs derweil der Zorn auf die Regierung. Yessica Mendoza musste den Leichnam ihrer Tochter eigenhändig in eine Leichenhalle in Caracas bringen, nachdem diese mit ihrem Mann in den Trümmern ihres Hauses in La Guaira ums Leben gekommen war. "Wir waren es, die sie rausgezogen haben. Es gab überhaupt keine Hilfe", sagte die 43-Jährige der Nachrichtenagentur AFP.
Die Regierung schränkte den Zugang zum Bundesstaat La Guaira ein und entsandte Militär in die Region. Freiwillige Helfer mussten für den Zugang einen Sicherheitspass beantragen. "Man braucht eine Genehmigung, um helfen zu können, das muss man sich einmal vorstellen", sagte der 27-jährige Carlos Itriago. Der 53 Jahre alte Ezequiel Rivero sagte, er stehe schon seit dem frühen Morgen an, um einen Pass zu bekommen. "Wieviele Leben haben wir seither verloren", fragte er.
Interimspräsidentin Rodríguez wurde bei einem Besuch in einem Erdbebengebiet in Caracas ausgebuht. Anwohner und Angehörige von Verschütteten riefen am Freitag (Ortszeit) "Raus, raus", wie eine AFP-Journalistin berichtete. Die Menschen warfen Rodríguez vor, aus der Katastrophe politisches Kapital schlagen zu wollen.
Das schwerste Erdbeben seit mehr als einem Jahrhundert trifft Venezuela nach mehr als einem Jahrzehnt wirtschaftlichen Niedergangs, der die öffentliche Versorgung in dem ölreichen Land ausgehöhlt hat. Die Festnahme des linksnationalistischen Staatschefs Nicolás Maduro Anfang Januar bei einem US-Militäreinsatz hat das Land zudem politisch destabilisiert.
W.Moreno--AT