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Kiew reagiert mit Misstrauen auf russischen Rückzug aus Cherson
Die Ukraine hat mit Misstrauen auf die russische Ankündigung eines Truppen-Rückzugs aus der südukrainischen Stadt Cherson reagiert. "Der Feind macht uns keine Geschenke, macht keine 'Gesten des guten Willens'", warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Mittwochabend in seiner täglichen Videobotschaft. Daher gehe die ukrainische Armee "sehr vorsichtig, ohne Emotionen, ohne unnötiges Risiko" vor. Die russische Armee erklärte ihrerseits am Donnerstag, der Rückzug der russischen Truppen aus Cherson habe begonnen.
Selenskyj bekräftigte das Ziel der Ukraine, "unser gesamtes Land zu befreien und die Verluste so niedrig wie möglich zu halten". Jeder Gebietsgewinn der Ukraine koste die Leben "unserer Helden".
Der ukrainische Abgeordnete und Unterhändler David Arachamia bestätigte, Kiew werde sich nicht in Sicherheit wiegen lassen. "Wir vertrauen dem Feind nicht und werden unseren Plänen zur Befreiung der Gebiete entsprechend handeln", erklärte er. Früher oder später würden die Russen die besetzten Gebiete verlassen "oder sie werden vernichtet".
US-Präsident Joe Biden sagte derweil, die russische Rückzugsankündigung zeige, dass das russische Militär "echte Probleme" im Krieg in der Ukraine habe.
Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte den Rückzug aus der strategisch wichtigen südukrainischen Stadt Cherson und Teilen der gleichnamigen Region am Mittwoch angeordnet. Die russischen Truppen sollten sich demnach ans südöstliche Ufer des Flusses Dnipro zurückziehen.
Die russische Armee verkündete am Donnerstag den Beginn des Rückzugs. "Einheiten der russischen Truppen manövrieren sich zu den Positionen am linken Ufer des Flusses Dnipro, in Übereinstimmung mit dem genehmigten Plan", erklärte das Verteidigungsministerium.
Moskau steht nun unter Druck, den Rest der russisch besetzten und strategisch äußerst wichtigen Region Cherson zu verteidigen. Die Region bildet eine Landbrücke, die Russland mit der 2014 von Moskau annektierten Krim-Halbinsel verbindet, und biete zudem einen Zugang zum Asowschen Meer.
Die Region ist seit Wochen Ziel einer umfassenden ukrainischen Gegenoffensive. Die ukrainischen Truppen haben bereits mehrere Dörfer auf dem Weg zur gleichnamigen Regionalhauptstadt Cherson zurückerobert.
Das in den ersten Tagen der russischen Militäroffensive in der Ukraine eingenommene Cherson ist bislang die einzige russisch kontrollierte Regionalhauptstadt. Vor gut einem Monat hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Annexion der Region Cherson und dreier weiterer besetzter Regionen in der Ukraine verkündet.
Ein Anzeichen für die unübersichtliche Lage in Cherson war der Tod eines hochrangigen Behördenvertreters am Mittwoch. Der von Moskau eingesetzte stellvertretende Regionalchef Kirill Stremussow war nach offiziellen Angaben bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
Nach Angaben des russischen Befehlshabers in der Ukraine, Sergej Surowikin, wurden in den vergangenen Wochen rund 115.000 Zivilisten aus Cherson evakuiert. Kiew hatte dies als "Deportationen" verurteilt.
Kiew befürchtet zudem, Russland könnte nach dem Rückzug der eigenen Truppen den Staudamm des Wasserkraftwerks Kachowka zerstören, um mit einer Flutwelle die ukrainische Gegenoffensive in der Region zu stoppen.
US-Armeegeneral Mark Milley erklärte unterdessen, Russland und die Ukraine würden in dem im Februar begonnenen Krieg hohe Opferzahlen verzeichnen. "Sie haben es mit weit mehr als 100.000 getöteten und verletzten russischen Soldaten zu tun", sagte Milley. Gleiches gelte "wahrscheinlich für die ukrainische Seite".
Milley warb zudem für Gespräche, um den Krieg zu beenden. Möglicherweise könnten weder die Ukraine noch Russland militärisch siegen, sagte der US-General. Es sei daher erforderlich, sich "nach anderen Mitteln" umzusehen.
N.Walker--AT