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"Präsidentin aller Amerikaner": Harris tritt bei Parteitag als Versöhnerin auf
Als Brückenbauerin, Patriotin und Fürsprecherin der Mittelschicht hat sich Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris in ihrer Rede beim Parteitag der US-Demokraten präsentiert. "Ich verspreche, eine Präsidentin für alle Amerikaner zu sein", sagte die 59-jährige am Donnerstagabend (Ortszeit) in ihrer stürmisch bejubelten Ansprache in Chicago, in der sie ihre Nominierung feierlich annahm. Harris skizzierte auch Teile ihrer Programmatik, darunter eine Einwanderungsreform und Rückhalt für die Nato-Verbündeten und die Ukraine.
Ihrem republikanischen Rivalen Donald Trump warf die Vizepräsidentin vor, lediglich selbstbezogene Interessen zu verfolgen und das Land "in die Vergangenheit" zurückführen zu wollen. Im Gegensatz dazu kündigte sie an, "eine Präsidentin zu sein, die uns um unsere höchsten Bestrebungen herum vereint". Sie wolle "Bitterkeit, Zynismus und die spaltenden Auseinandersetzungen der Vergangenheit" überwinden.
"Wir gehen nicht zurück!": Diesen Wahlkampfslogan wiederholte Harris mehrfach, vom Publikum wurde er in begeisterten Sprechchören aufgegriffen. Gezielt wandte sie sich auch an die Gruppen der unabhängigen und noch unentschlossenen Wähler, auf die es bei der Wahl am 5. November entscheidend ankommt.
Harris beschrieb sich als pragmatische und parteiübergreifend agierende Politikerin - womit sie Trumps Versuchen entgegentrat, sie zur "radikalen Linken" zu stempeln. Sie werde "das Land immer über die Partei" und Eigeninteressen stellen, sagte die frühere Senatorin und Generalstaatsanwältin von Kalifornien. Als US-Präsidentin wolle sie "realistisch, praktisch" und mit "gesundem Menschenverstand" vorgehen.
Die Tochter von Einwanderern aus Indien und Jamaika wäre die erste Frau und Afroamerikanerin im US-Präsidentenamt und auch das erste Staatsoberhaupt mit asiatischen Wurzeln. In ihrer Rede präsentierte sie sich als Patriotin - indem sie etwa die USA als "großartigste Nation auf der Erde" pries.
Harris, die bis zum Kandidaturverzicht von Joe Biden im Juli noch ganz im Schatten des Präsidenten gestanden hatte, nutzte den großen Auftritt auch, um der Nation ihren Werdegang zu schildern. Ausführlich erzählte sie von ihrer Herkunft aus der Mittelschicht und dem Durchhaltewillen und Mut ihrer als Krebsforscherin tätigen indischen Mutter.
Als zentrale Vorhaben nannte Harris steuerliche Entlastungen für die Mittelschicht, die Behebung der Wohnungsnot und Wiederherstellung des landesweiten Abtreibungsrechts, das das konservativ dominierte Oberste Gericht vor zwei Jahren abgeschafft hatte. Ferner kündigte sie eine Reform des "kaputten Einwanderungssystems" an. Die Anschuldigung Trumps, sie sei für eine verheerende Grenzpolitik verantwortlich, konterte Harris mit dem Vorwurf, der Ex-Präsident habe aus wahltaktischen Gründen eine parteiübergreifend entworfene Einwanderungsreform hintertrieben.
In der Außenpolitik hob Harris hervor, dass sie mit Biden "rund um die Uhr" an einem Abkommen für eine Waffenruhe im Gazakrieg und zur Freilassung der von der radikalislamischen Hamas verschleppten Geiseln arbeite. Sie betonte ihren Einsatz "für Israels Recht auf Selbstverteidigung", nannte aber auch das durch den Krieg im Gazastreifen verursachte Leid "herzzerreißend".
Das Kriegsende müsse in einer Weise erreicht werden, die für Israels Sicherheit sorge und zugleich dafür, dass "das palästinensische Volk sein Recht auf Würde, Sicherheit, Freiheit und Selbstbestimmung umsetzen kann", sagte Harris. Dies war nicht zuletzt eine Botschaft an die tausenden pro-palästinensischen Demonstranten, die in Chicago während des Parteitags auf die Straße gegangen waren.
Harris kündigte auch an, dass sie angesichts des russischen Angriffskriegs "fest an der Seite der Ukraine und unserer Nato-Verbündeten" stehen werde. Anders als Trump werde sie sich nicht "bei Tyrannen und Diktatoren einschmeicheln", sagte sie und bezog sich damit auf das gute Verhältnis des Ex-Präsidenten zu Kreml-Chef Wladimir Putin und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un.
Diktatoren "drücken Trump die Daumen", sagte Harris mit Blick auf das Rennen um das Weiße Haus. Sie wüssten, dass der Republikaner "leicht mit Schmeichelei und Gefälligkeiten zu manipulieren sei" und "Autokraten nicht zur Rechenschaft ziehen wird, da er selber ein Autokrat sein will".
Harris warnte vor "extrem ernsthaften" Konsequenzen bei einer Rückkehr Trumps ins Weiße Haus und verwies dabei auch auf das kürzliche Urteil des Obersten Gerichts zur strafrechtlichen Immunität der US-Präsidenten: "Stellt Euch nur einen Donald Trump ohne Barrieren vor, und wie er die immensen Machtbefugnisse der Präsidentschaft der Vereinigten Staaten benutzen würde."
Trump kommentierte die Rede seiner Rivalin in seinem Onlinenetzwerk Truth Social noch während sie sprach. "Sie beklagt sich über alles, aber tut nichts!" schrieb der 78-Jährige unter anderem.
Mit Harris' Rede endete der viertägige Parteitag, mit dem die von ihrer Kandidatur ausgelöste Woge der Euphorie bei den Demokraten neue Höhen erreichte. Bei der Versammlung herrschte großteils Partystimmmung, die auch durch Auftritte von Musikern wie Stevie Wonder, Lil Jon, Pink und The Chicks befeuert wurde.
Die Umfragen deuten allerdings weiter auf ein enges Rennen zwischen Trump und Harris hin. "Ich denke, das Momentum ist auf unserer Seite - aber wir müssen jetzt damit etwas anfangen und die Wählerschaft diesen Herbst effektiv an uns binden", sagte Harris' Wahlkampfberater Dan Kanninen.
W.Nelson--AT