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Prozess um 299 Missbrauchsfälle in Frankreich: Arzt will "keine Milde"
Der wegen Missbrauchs von 299 zumeist minderjährigen Patienten angeklagte französische Arzt hat zum Ende seines Prozesses betont, dass er nicht auf Nachsicht hoffe. "Ich bitte das Gericht nicht um Milde, aber gewähren Sie mir das Recht, mich zu bessern", sagte der 74 Jahre alte Joël Le Scouarnec, der die Taten pauschal gestanden hatte, am Montag vor Gericht.
"Le Scouarnec bittet nicht darum, der geforderten Strafe zu entgehen", erklärte sein Anwalt Maxime Tessier. Er bitte lediglich darum, anzuerkennen, dass er alle Taten gestanden habe und nie versucht habe, die Verantwortung auf andere abzuschieben. "Das Gericht sollte sich von seiner Ernsthaftigkeit überzeugen lassen", sagte Tessier.
Die Richter zogen sich anschließend zu Beratungen zurück. Das Urteil soll am Mittwoch bekannt gegeben werden.
Die Staatsanwaltschaft fordert für Le Scouarnec die Höchststrafe von 20 Jahren Haft sowie eine anschließende Sicherungsverwahrung und wenig Aussichten auf eine Hafterleichterung. Die Anklagebehörde stellte zudem weitere Verfahren in Aussicht, bei denen es um die bislang noch nicht identifizierten Opfer des Mannes gehen solle.
Der frühere Chirurg muss sich seit Februar wegen sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen im westfranzösischen Vannes vor Gericht verantworten. Ihm werden 111 Vergewaltigungen und 189 sexuelle Übergriffe zur Last gelegt. Die Taten beging er in einem Zeitraum von mehr als 25 Jahren zwischen 1989 und 2014.
Seine Opfer waren im Schnitt elf Jahre alt. Wie der Mediziner in seinen Tagebüchern akribisch notierte, verging er sich an Jungen und Mädchen unter dem Vorwand von Untersuchungen oder während sie unter Narkose standen.
Le Scouarnec war bereits 2004 wegen Besitzes von Kinderpornografie zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Dies hatte seine Karriere jedoch nicht beeinträchtigt, er bekam in rund einem Dutzend Krankenhäuser im Westen Frankreichs verantwortungsvolle Posten.
Der Fall wurde bekannt, als Le Scouarnecs Nachbarn wegen der Vergewaltigung ihrer sechs Jahre alten Tochter Anzeige erstatteten. Bei den anschließenden Ermittlungen wurden Tagebücher gefunden, in denen der Mediziner seine Taten notiert hatte.
Während des Prozesses erklärte der Angeklagte in Anwesenheit seines Sohnes, dass er auch dessen Tochter - seine Enkelin - vergewaltigt habe. Außerdem zeigte er sich für den Suizid zweier junger Männer verantwortlich, die er als Kinder missbraucht hatte.
Viele Klägerinnen und Kläger sowie Kinderschutzorganisationen bedauerten, dass der Prozess in Frankreich überraschend wenig Aufmerksamkeit erhielt. Mehrfach protestierten Betroffene vor dem Gericht gegen ein "Schweigen der Politiker".
H.Thompson--AT