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Richtungsweisende Stichwahl um Präsidentenamt in Kolumbien: Enges Rennen erwartet
Linksgerichteter Verfechter der Menschenrechte oder ultrarechter Hardliner mit Rückendeckung aus Washington: In Kolumbien haben die extrem gegensätzlichen Kandidaten Iván Cepeda und Abelardo de la Espriella am Sonntag in einer richtungsweisenden Stichwahl um das Präsidentenamt gerungen. Die Umfragen sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem linksgerichteten Senator und dem rechtsgerichteten Rechtsanwalt voraus. De la Espriella sprach von der "wichtigsten Wahl" in der Geschichte des südamerikanischen Landes.
Der politische Neuling De la Espriella war in der ersten Wahlrunde vor drei Wochen mit 44 Prozent überraschend auf dem ersten Platz gelandet. Cepeda kam auf 41 Prozent. Die Wahllokale schlossen am Sonntag um 16.00 Uhr Ortszeit (23.00 MESZ). Mit den ersten offiziellen Ergebnissen wurde in den Stunden danach gerechnet.
De la Espriella gab in der Stadt Barranquilla im Norden des Landes seine Stimme ab, wo er im Trikot der Fußballnationalmannschaft erschien. "Heute findet die wichtigste Wahl in der Geschichte" des Landes statt, sagte er unter dem Jubel seiner Anhänger.
Cepeda stimmte in einer Schule in einem Arbeiterviertel von Bogotá ab. Auf dem Weg dorthin wurde er von Leibwächtern in kugelsicheren Westen begleitet. "Wenn wir den Sieg errungen haben, werden wir für das ganze Land regieren und nicht nur für einen bestimmten Sektor", sagte er, während seine Unterstützer ihm zuriefen: "Das Volk steht hinter dir".
Rund 41 Millionen Bürgerinnen und Bürger waren zu dem Urnengang aufgerufen. Die Wahl fand inmitten der schlimmsten Gewaltwelle in Kolumbien seit einem Jahrzehnt statt.
Die Menschen empfänden derzeit "große Unsicherheit", sagte die Wählerin Angie Muñoz aus Bogotá. "Es gibt viel Spaltung, es gibt viel Aggressivität", sagte die 30-Jährige bei ihrer Stimmabgabe.
Auch der Wähler Jesús Alberto verspürt in letzter Zeit "zunehmende Angst". Dies rühre daher, dass die bewaffneten Gruppen "deutlich an Stärke gewonnen haben", sagte der 58-jährige Händler, der in der besonders von Gewalt betroffenen südwestlichen Provinz Cauca abstimmte.
Bei der Wahl stand eine Richtungsentscheidung für das südamerikanische Land an. Der 63-jährige Cepeda ist ein Verbündeter des scheidenden Präsidenten Gustavo Petro und will an dessen Kurs des Dialogs mit bewaffneten Gruppen und dessen Sozialpolitik zugunsten armer Bevölkerungsschichten anknüpfen. Der 47-jährige De la Espriella, der die Rückendeckung von US-Präsident Donald Trump hat, will hingegen Aufständische mit militärischer Gewalt bekämpfen und setzt in der Wirtschaftspolitik auf Deregulierungen.
Zehn Jahre nach dem historischen Friedensschluss zwischen der Regierung und der vormals mächtigen Guerillaorganisation Farc sind in Kolumbien weiterhin viele bewaffnete Gruppen aktiv. Das Spektrum reicht von Abspaltungen der früheren Farc über rechte paramilitärische Gruppierungen bis hin zu Drogenbanden.
Petro hatte sich in seiner auslaufenden vierjährigen Amtszeit durch Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen um eine weitere Befriedung des seit Jahrzehnten unter bewaffneten Konflikten leidenden Landes bemüht. Doch gelang ihm kein größeres weiteres Friedensabkommen.
Stattdessen wurde auch der Wahlkampf von heftiger Gewalt überschattet. So wurden mehrere Anschläge mit Autobomben und Drohnen verübt. Im Juni 2025 wurde der rechtsgerichtete Präsidentschaftskandidat Miguel Uribe ermordet. Auch zahlreiche Gemeindevorsteher und Zivilisten wurden getötet.
Petro, selbst ein früherer Guerillero, ist der erste linksgerichtete Staatschef in der Geschichte Kolumbiens. Er durfte nicht erneut kandidieren, da die kolumbianische Verfassung zwei direkt aufeinanderfolgende Amtszeiten nicht erlaubt. Während Petros vierjähriger Amtszeit sank die Arbeitslosigkeit, und der Mindestlohn stieg um 75 Prozent.
Kritiker machten Petro und seine Regierung allerdings für die zunehmende Gewalt verantwortlich. Die Gewaltwelle belastete denn auch die Kampagne seines Parteikollegen Cepeda - das Thema der inneren Sicherheit war im Wahlkampf dominant. Der Menschenrechtsanwalt und Philosoph Cepeda war einer der Architekten von Petros Kurs des "totalen Friedens" gewesen, die auf Dialog mit allen bewaffneten Gruppen setzte.
Der politisch unerfahrene Rechtsanwalt De la Espriella lehnt dagegen Petros Versöhnungspolitik ab. Im Wahlkampf kündigte er ein unerbittliches Vorgehen gegen bewaffnete Gruppen an. Der Rechtsaußenkandidat, der sich selbst "Der Tiger" nennt, will ins Drogengeschäft verwickelte Guerillagruppen auch mit Luftangriffen bekämpfen.
In einem Interview der Nachrichtenagentur AFP sagte De la Espriella, er werde das Militär eine 90-tägige Offensive mit Bombardierungen und Ausräucherung von Koka-Plantagen führen lassen. Dafür wolle er sich die Unterstützung der USA und Israels holen. Kolumbien ist der größte Kokainproduzent der Welt.
De la Espriella, der neben der kolumbianischen auch die US-Staatsbürgerschaft hat, bekam im Wahlkampf von US-Präsident Trump dessen "vollständige und totale Unterstützung" ausgesprochen. Zugleich warnte Trump vor Konsequenzen für das Verhältnis zwischen den USA und Kolumbien bei einem Sieg des "radikal-linken Marxisten" Cepeda.
Kolumbien war über viele Jahre hinweg der wichtigste Verbündete der USA in Südamerika. Seit dem Amtsantritt Petros verschlechterten sich die Beziehungen jedoch. Einer der Gründe waren die Angriffe des US-Militärs auf angebliche Drogenboote in der Karibik und im östlichen Pazifik, bei denen auch kolumbianische Staatsbürger getötet wurden. Kritiker stufen die Angriffe als außergerichtliche Hinrichtungen und völkerrechtswidrig ein.
Y.Baker--AT