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Libanon: Mehr als 350 Tote bei massiven israelischen Luftangriffen
Es waren die folgenschwersten Attacken seit knapp einem Jahr: Israel ist am Montag mit massiven Luftangriffen gegen die Hisbollah-Miliz im Libanon vorgegangen. 356 Menschen seien dabei getötet worden, teilte die libanesische Regierung mit. Die israelische Armee griff nach eigenen Angaben mehr als 1300 Ziele an, um militärische Infrastruktur der Hisbollah zu zerstören. Die proiranische Miliz feuerte ihrerseits erneut Geschosse Richtung Israel ab. Die Verschärfung des Konflikts rief international große Besorgnis hervor.
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministers Firass Abiad waren auch 24 Kinder unter den Todesopfern. Mehr als 1200 Menschen seien bei den Angriffen auf "Städte und Dörfer im Südlibanon, der Bekaa-Ebene und in Baalbek" im Osten zudem verletzt worden, sagte Abiad.
Israel hatte am Morgen "umfangreichere und präzisere" Angriffe gegen die Hisbollah angekündigt und die libanesische Bevölkerung aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen. Tausende Familien in den betroffenen Gebieten ergriffen die Flucht.
Die israelische Armee teilte mit, sie habe bei ihren Luftangriffen "Gebäude, Fahrzeuge und Infrastruktur" der Hisbollah-Miliz ins Visier genommen, "wo Raketen, Lenkwaffen, Raketenwerfer und Drohnen eine Gefahr" für Israel dargestellt hätten.
Ein Angriff im Süden Beiruts galt offenbar dem Hisbollah-Kommandeur der südlichen Front, Ali Karake. Die Nummer drei in der Militärführung der Hisbollah sei aber wohlauf und "an einem sicheren Ort", teilte die Miliz später mit.
In der israelischen Hafenstadt Haifa gab es am Montagabend Luftalarm. "Sirenen heulten in der Stadt Haifa und umliegenden Gebieten im Norden Israels", teilte die israelische Armee mit. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP sah, wie Bewohner von Haifa in Schutzunterkünfte rannten.
Armeeangaben zufolge drangen im Laufe des Tages rund 180 Geschosse und eine Drohne in den israelischen Luftraum über Nordisrael ein. Die meisten Geschosse seien entweder von Israels Raketenabwehrschirm Iron Dome abgefangen worden oder in unbewohnten Gebieten niedergegangen, hieß es. Die Hisbollah hatte zuvor erklärt, sie habe als Reaktion auf den israelischen Beschuss mindestens fünf Ziele in Israel bombardiert.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, die Strategie der Armee ziele darauf ab, "das Sicherheitsgleichgewicht und die Machtverhältnisse im Norden zu ändern". Israel wolle Bedrohungen zuvorkommen, anstatt auf sie zu "warten".
Der Konflikt zwischen Israel und der mit der radikalislamischen Hamas verbündeten Hisbollah hatte sich in den vergangenen Tagen nochmals verschärft. Mit einem gezielten Luftangriff tötete die israelische Armee in Beirut mehrere ranghohe Hisbollah-Kommandeure, zudem gab sie die Zerstörung tausender Raketenabschussrampen im Südlibanon bekannt.
Bereits in der vergangenen Woche hatte sich der Konflikt durch die Explosionen von hunderten Pagern und Walkie-Talkies der Miliz im Libanon zugespitzt. Die Hisbollah macht Israel für die Explosionen verantwortlich. Israel selbst äußerte sich nicht zur Urheberschaft der Explosionen, durch die 39 Menschen starben und tausende weitere verletzt wurden.
Die jüngsten israelischen Angriffe wurden vom Libanon und anderen arabischen Staaten scharf verurteilt. Der libanesische Regierungschef Nadschib Mikati sagte, Israels Strategie ziele darauf ab, "libanesische Dörfer und Städte zu vernichten".
Der Iran warnte Israel vor "gefährlichen Konsequenzen". Außenministeriumssprecher Nasser Kanani nannte die jüngsten israelischen Angriffe "wahnsinnig". Irans Präsident Massud Peseschkian warf Israel vor, einen "größeren Konflikt" zu wollen.
Ägyptens Außenministerium forderte ein "sofortiges Eingreifen" der "internationalen Mächte und des UN-Sicherheitsrats". Die "gefährliche Eskalation" durch Israel müsse gestoppt werden. Die Türkei warf Israel vor, "die ganze Region ins Chaos stürzen" zu wollen.
Die Verschärfung des Konflikts dürfte eines der bestimmenden Themen bei der UN-Generaldebatte in New York sein, die am Dienstag beginnt. Die Lage sei "extrem angespannt", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Es komme jetzt auf "konkrete Schritte der Deeskalation" an. Der Irak forderte ein Dringlichkeitstreffen der arabischen Delegationen in New York. US-Präsident Joe Biden sagte in Washington, seine Regierung "arbeite an einer Deeskalation".
UN-Generalsekretär António Guterres äußerte sich am Montag "zutiefst beunruhigt" über die zivilen Opfer im Libanon. Er hatte zuvor bereits die Besorgnis geäußert, dass der Libanon zu einem "weiteren Gaza" werden könnte. Der Krieg im Gazastreifen war am 7. Oktober durch einen beispiellosen Angriff der radikalislamischen Hamas auf Israel ausgelöst worden, bei dem nach israelischen Angaben mindestens 1205 Menschen getötet und 251 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden.
Nach Angaben der Hamas, die sich nicht unabhängig überprüfen lassen, wurden im Zuge der israelischen Offensive als Reaktion auf den Angriff bislang mehr als 41.400 Menschen im Gazastreifen getötet.
H.Thompson--AT