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Rund hundert Menschen aus eingekesseltem Stahlwerk in Mariupol evakuiert
Nach zahlreichen gescheiterten Evakuierungsversuchen haben am Wochenende erstmals dutzende Zivilisten das heftig umkämpfte Asow-Stahlwerk im südukrainischen Mariupol verlassen können. Etwa hundert Menschen aus dem Werk waren am Sonntag auf dem Weg nach Saporischschja, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Twitter mitteilte. Die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, dankte der Ukraine bei einem unangekündigten Besuch in Kiew für ihren "Kampf für Freiheit".
"Die Evakuierung von Zivilisten von Asow-Stahl hat begonnen", schrieb Selenskyj. Die erste Gruppe von etwa hundert Menschen werde am Montag im 220 Kilometer entfernten Saporischschja empfangen.
Nach Angaben eines UN-Sprechers hatte ein humanitärer Konvoi am Samstagmorgen Mariupol erreicht. Koordiniert wurde die Evakuierungsaktion demnach vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das sich dazu mit beiden Kriegsparteien abstimmte.
Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, "dank der Initiative des russischen Präsidenten Wladimir Putin" seien 80 Zivilisten, die "von ukrainischen Nationalisten festgehalten" worden seien, am Sonntag aus dem Asow-Stahlwerk evakuiert und in das unter russischer Kontrolle stehende Dorf Besimenne in der Region Donezk gebracht worden. Dort hätten die Menschen Verpflegung und medizinische Versorgung erhalten. Zivilisten, "die in die vom Kiewer Regime kontrollierten Gebiete wollten, wurden an Vertreter der UNO und des IKRK übergeben", erklärte das Ministerium weiter.
Bereits am Samstag hatte das russische Verteidigungsministerium die Evakuierung von 46 Zivilisten aus dem Industriegelände bekanntgegeben. Das ukrainische Asow-Regiment meldete am selben Tag dagegen nur rund 20 Evakuierte.
Das elf Quadratkilometer große Gebiet des Asow-Stahlwerks in der südostukrainischen Hafenstadt ist heftig umkämpft. Das Stahlwerksgelände ist die letzte Bastion des ukrainischen Widerstands im durch russische Angriffe weitgehend zerstörten Mariupol. In dem Komplex mit weitläufigen unterirdischen Tunnelanlagen sollen noch hunderte ukrainische Soldaten und Zivilisten unter katastrophalen Bedingungen ausharren.
Das am Asowschen Meer gelegene Mariupol gilt als strategisch äußerst wichtig. Erklärtes Ziel Russlands im Ukraine-Krieg ist die Herstellung einer Landverbindung zur annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim sowie zu der von pro-russischen Separatisten kontrollierten Region Transnistrien in der Republik Moldau.
In den vergangenen Tagen verstärkte die russische Armee ihre Angriffe sowohl im Osten als auch im Süden der Ukraine. Bei einem Angriff auf den Flughafen von Odessa wurde am Samstag nach ukrainischen Angaben die Landebahn zerstört. Das russische Verteidigungsministerium meldete zudem die Zerstörung eines Hangars "mit Waffen und Munition der USA und der europäischen Länder".
Mehrere Vorfälle meldeten die russischen Behörden am Sonntag auch auf russischem Staatsgebiet: In der Grenzregion Belgorod brach demnach ein Feuer in einer zum Verteidigungsministerium gehörenden Anlage aus. In der ebenfalls an die Ukraine grenzenden Region Kursk sprach der Gouverneur Roman Starowojt nach dem Einsturz einer für den Güterverkehr genutzten Bahnbrücke von "Sabotage". Russland hat die ukrainischen Streitkräfte in den vergangenen Wochen wiederholt beschuldigt, Angriffe auf russischem Gebiet verübt zu haben.
Die Chefin des US-Repräsentantenhauses, Pelosi, sicherte der Ukraine die fortdauernde Unterstützung Washingtons zu. "Wir versprechen, für Sie da zu sein, bis der Kampf beendet ist", sagte Pelosi am Samstag bei einem Treffen mit Selenskyj. In Washington werde daran gearbeitet, die von Präsident Joe Biden beim Kongress beantragte zusätzliche Unterstützung von 33 Milliarden Dollar (rund 31 Milliarden Euro) für die Ukraine freizugeben.
Die EU-Kommission plant derweil nach Diplomatenangaben nun doch ein Embargo für russisches Öl, das im Rahmen eines neuen Sanktionspakets schrittweise eingeführt werden soll. Während vor allem Ungarn noch als potenzieller Blockierer eines dafür nötigen einstimmigen Sanktionsbeschlusses gilt, unterstützt Deutschland diesen Schritt nach Angaben mehrerer Diplomaten mittlerweile.
N.Walker--AT