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Suche nach Hunderten Vermissten geht nach Schiffsunglück vor Griechenland weiter
Nach dem Untergang eines voll besetzten Flüchtlingsboots vor der Küste Griechenlands und der Bergung von fast 80 Toten haben griechische Rettungskräfte ihre Suche nach hunderten Vermissten fortgesetzt. Zwei Patrouillenboote, eine Fregatte der griechischen Marine, drei Helikopter und neun weitere Schiffe suchten am Donnerstag in dem besonders tiefen Seegebiet westlich der Halbinsel Peloponnes das Mittelmeer ab. Unterdessen nahmen griechische Hafenbehörden neun Menschen fest, die unter Verdacht stehen, einer Schlepperbande anzugehören.
Die griechische Nachrichtenagentur ANA meldete, die neun Verdächtigen ägyptischer Nationalität seien in der auf der Peloponnes liegenden Hafenstadt Kalamata festgenommen worden. Nach Angaben der Hafenbehörden befindet sich darunter auch der Kapitän des Bootes.
Das Fischerboot war am frühen Mittwochmorgen westlich der Peloponnes gekentert. Nach Angaben aus Kreisen der Hafenbehörden war das Schiff in Ägypten gestartet, hatte in der libyschen Hafenstadt Tobruk die Migranten an Bord genommen und dann Kurs Richtung Italien genommen.
78 Leichen wurden nach Angaben der Küstenwache bis Donnerstagabend geborgen, die Leichen wurden zur Autopsie nach Athen gebracht. Es wird jedoch mit deutlich mehr Todesopfern gerechnet.
Regierungssprecher Ilias Siakanataris zufolge gibt es Berichte darüber, dass sich bis zu 750 Menschen an Bord befanden. Das Fischerboot sei "25 bis 30 Meter lang" gewesen, sagte der Sprecher der Küstenwache, Nikolaos Alexiou, dem staatlichen Sender ERT. Das Deck sei voll mit Menschen gewesen. "Wir gehen davon aus, dass der Innenraum genauso voll war", ergänzte Alexiou.
"Wir sind Zeugen einer der größten Tragödien im Mittelmeer, und die von den Behörden bekannt gegebenen Zahlen sind erschütternd", erklärte die Internationale Organisation für Migration (IOM). Daniel Govevan, Anwalt bei der Hilfsorganisation Save the Children, befürchtet, dass sich "100 Kinder im Frachtraum befanden".
104 Menschen konnten nach offiziellen Angaben gerettet werden: 47 Syrer, 43 Ägypter, zwölf Pakistaner und zwei Palästinenser, ausschließlich Männer. Etwa 30 der Überlebenden befanden sich im Krankenhaus von Kalamata. Sie litten "vor allem an Lungenentzündung, Dehydrierung und Unterkühlung", sagte der Leiter der zuständigen Abteilung einem Radiosender. Die anderen Überlebenden wurden vorübergehend in einer Lagerhalle im Hafen von Kalamata untergebracht.
Das überladene Fischerboot war nach Angaben griechischer Behörden am Mittwochmorgen an einer der tiefsten Stellen des Mittelmeers gekentert, nachdem zuvor der Motor ausgefallen war. Regierungssprecher Siakantaris erklärte, das Boot sei innerhalb von nur zehn bis 15 Minuten gesunken.
Die griechische Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Das oberste Gericht Griechenlands ordnete eine Untersuchung zur Ursache des Unglücks an. Schon jetzt ist die Zahl der Todesopfer die höchste bei einem Schiffsunglück in Griechenland seit vielen Jahren. Nach von AFP erhobenen Daten ereignete sich das schlimmste Flüchtlingsunglück in Griechenland am 3. Juni 2016, als 320 Menschen starben oder als vermisst gemeldet wurden.
Griechenland ist neben Italien und Spanien eines der Hauptankunftsländer für zehntausende Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, die nach Europa wollen.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nannte das Flüchtlingsunglück "bedrückend". Es rufe "uns allemal mehr dazu auf, alles dafür zu tun, dass das vermieden wird", sagte Scholz am Rande der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin. Menschen dürften diese "gefährlichen Fluchtrouten" nicht mehr wählen. Um das zu schaffen, müsse Europa ein "gemeinsames und solidarisches System des Umgangs mit der Fluchtmigration" entwickeln.
Bundesinnenministern Nancy Faeser (SPD) sagte, sie sei "tief erschüttert" und sprach von einer "schrecklichen Katastrophe". Es müsse weiter daran gearbeitet werden, "legale Migrationswege zu schaffen und Migrationsabkommen zu schließen, die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit achten". Dies zerstöre "das Geschäftsmodell der Schleuser, die Menschen auf lebensgefährlichen Wegen in die EU bringen".
Die Linken-Vorsitzende Janine Wissler erklärte am Donnerstag: "Wir haben gestern erneut auf furchtbare Weise vor Augen geführt bekommen, was die Festung Europa bedeutet. Hunderte Menschen ertrinken auf der Flucht. (...) Mehr Abschottung sorgt nicht für weniger Geflüchtete, sondern macht die Flucht gefährlicher", fügte sie hinzu.
Papst Franziskus, der sich nach einer Operation noch im Krankenhaus aufhielt, zeigte sich angesichts des Unglücks "zutiefst bestürzt". Er bete "für die vielen Migranten, die gestorben sind, ihre Angehörigen und alle, die durch die Tragödie traumatisiert worden sind", hieß es in einem vom Vatikan veröffentlichten Telegramm.
F.Ramirez--AT