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Ausmaß von Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien wird immer stärker sichtbar
Tausende Tote und bis zu 23 Millionen Betroffene - am ersten Tag nach der Erdbebenkatastrophe im türkisch-syrischen Grenzgebiet wird das Ausmaß der Katastrophe immer stärker sichtbar. Nach neuen vorläufigen Angaben von Behörden und Rettungskräften vom Dienstag kamen durch das Erdbeben mehr als 5000 Menschen ums Leben - doch die Opferzahl dürfte noch deutlich weiter steigen. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnten bis zu 23 Millionen Menschen in der Türkei und Syrien von den Folgen des Bebens betroffen sein.
Nach Angaben der örtlichen Behörden wurden in der Türkei mittlerweile 3419 Todesopfer gefunden. In Syrien zählten Behörden und Rettungskräfte in den von der Regierung in Damaskus kontrollierten Gebieten und in Territorien unter der Kontrolle von Rebellen insgesamt 1602 Todesopfer. Damit überstieg die vorläufige Opferbilanz insgesamt die Marke von 5000 Toten.
Es wurde mit einem weiteren deutlichen Anstieg der Opferzahlen in den kommenden Tagen gerechnet. WHO-Vertreterin Catherine Smallwood verwies darauf, dass bei Erdbeben die Zahl der Todesopfer am Ende oft "achtmal höher als die ersten Bilanzen" sei.
Die hochrangige WHO-Vertreterin Adelheid Marschang teilte am Dienstag dem Exekutivkomitee der UN-Organisation in Genf mit, ein Überblick über die betroffenen Gebiete in der Türkei und Syrien ergebe, dass "potenziell 23 Millionen Menschen" den Folgen des Bebens ausgesetzt seien, darunter fünf Millionen ohnehin besonders verletzliche Menschen. Die WHO sicherte den betroffenen Gebieten langfristige Unterstützung zu.
Zahlreiche Staaten, darunter Deutschland, haben die Entsendung von Einsatzkräften und die Bereitstellung von Hilfsgeldern zugesagt. Allerdings wurde das Anlaufen der internationalen Hilfe durch einen Wintersturm verzögert.
Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) wollten am Dienstagmittag vom Flughafen Köln-Bonn in das Katastrophengebiet fliegen. Das 50-köpfige Team der Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland (Seeba) ist im Auftrag der Bundesregierung unterwegs.
THW-Präsident Gerd Friedsam sagte vor dem Abflug, derzeit bestehe "die größte Schwierigkeit" darin, die Katastrophengebiete zu erreichen, da viele Flughäfen in der Region gesperrt seien. Nach einer "Phase der Rettung und Bergung von Verschütteten" werde es darum gehen, "die Überlebenden zu versorgen".
"Unsere Einsatzkräfte werden dabei helfen, Menschen aus den Trümmern zu bergen und hoffentlich Überlebende zu retten", erklärte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Zudem würden derzeit Hilfslieferungen mit Notstromaggregaten, Zelten und Decken für die Erdbebenopfer zusammengestellt.
Laut Faeser sind bereits 40 Einsatzkräfte der Hilfsorganisation International Search and Rescue (ISAR) sowie zwei Rettungssanitäter und fünf Diensthundeführer der Bundespolizei in die Türkei gereist.
Die Überlebenden und Einsatzkräfte vor Ort benötigen dringend Unterstützung. Unter zahlreichen eingestürzten Gebäuden werden noch Menschen vermutet. In Sanliurfa im Südosten der Türkei etwa arbeiteten sich die Einsatzkräfte in nächtlicher Dunkelheit durch die Überreste eines mehrstöckigen Gebäudes.
"Da ist eine Familie, die ich kenne, unter den Trümmern", sagte ein Student der Nachrichtenagentur AFP. "Bis gegen Mittag hat meine Freundin noch auf Anrufe reagiert. Aber jetzt antwortet sie nicht mehr", fügte der 20-Jährige hinzu. "Sie muss irgendwo unter den Trümmern sein."
Ungeachtet der eisigen Temperaturen verbrachten viele Menschen aus Angst vor weiteren Nachbeben und Gebäudeeinstürzen die Nacht auf den Straßen. Mustafa Koyuncu zog sich mit seiner Frau und ihren fünf Kindern ins Familienauto zurück. "Wir können nicht nach Hause gehen - alle haben Angst", sagte er.
Auch in den syrischen Erdbebengebieten ist die Versorgungslage dramatisch, zumal das Land bereits durch den 2011 ausgebrochenen Bürgerkrieg gezeichnet ist. Außerdem wird das Katastrophengebiet im Norden Syriens teils von der Regierung in Damaskus und teils von Rebellen beherrscht.
Die syrische Regierung versicherte, dass Hilfsgüter auch in die nicht von Damaskus kontrollierten Gebiete des Landes weitergeleitet würden. Die Regierung werde Hilfe "an alle betroffenen Syrer und in alle Gebiete Syriens" weitergeben, sagte in New York der UN-Botschafter des Landes, Bassam Sabbagh.
Im Nordwesten Syriens nutzten derweil 20 mutmaßliche Kämpfer der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) eine nach dem Beben ausgebrochene Gefängnismeuterei zur Flucht, wie AFP aus dem Militärgefängnis von Rajo nahe der Grenze zur Türkei erfuhr.
Das Erdbeben der Stärke 7,8 hatte das türkisch-syrische Grenzgebiet am frühen Montagmorgen getroffen. In den Stunden danach wurde die Region von mehr als 50 Nachbeben erschüttert. Eines von ihnen hatte die Stärke 7,5. In der Türkei stürzten laut Staatschef Recep Tayyip Erdogan fast 3000 Gebäude in insgesamt sieben Provinzen ein, darunter die staatlichen Krankenhäuser in Iskenderun und Adiyaman.
Th.Gonzalez--AT