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Studie: Offenbar hunderte Missbrauchsfälle bei christlichem Pfadfinderverband
Beim Verband Christlicher Pfadfinder (VCP) hat es einer wissenschaftlichen Studie zufolge seit den 70er Jahren offenbar hunderte Fälle sexualisierter Gewalt gegeben. Laut der am Dienstag in Kassel von dem Verband veröffentlichten Untersuchung zweier Institute ist von insgesamt mindestens 344 Betroffenen sowie mindestens 161 Beschuldigten "im Verantwortungsbereich" des Verbands auszugehen. Die Bandbreite reicht demnach von Übergriffen bei Zeltlagern bis hin zu Missbrauchstaten im privaten Bereich und dem Versenden pornografischen Materials in Chats.
Der Verband, in dem nach eigenen Angaben rund 20.000 Menschen aktiv sind, kündigte weitere Aufarbeitungs- und Präventionsmaßnahmen an. Der VCP sei "seiner Verantwortung in der Vergangenheit nicht gerecht geworden", erklärte Bundesvorstandsmitglied Peter Keil. "Betroffene wurden nicht ausreichend geschützt, Hinweise übersehen oder nicht ernst genug genommen." Im November sollen auf einem Fachkongress basierend auf den Ergebnissen dauerhafte Konzepte erarbeitet werden.
Der Verband hatte die unabhängige Studie vor zwei Jahren in Auftrag gegeben, sie umfasst den Zeitraum von der Gründung im Jahr 1973 bis 2024. Sie basiert auf Interviews von Betroffenen und Zeitzeugen sowie der Auswertung von mehr als 1300 Akten und Dokumenten. Die Autoren betonen, dass sie nicht repräsentativ ist. Auch handelt es sich um eine sozialwissenschaftliche Studie, keine juristische Aufarbeitung.
Mehr als die Hälfte der dokumentierten Taten ereignete sich demnach auf Fahrten und in Freizeitlagern. Laut Studienergebnis stechen in der Gesamtschau außerdem zwei Konstellationen hervor: klassische sexualisierte Gewalt zwischen erwachsenen Verantwortlichen und ihnen anvertrauten Pfadfinderinnen und Pfadfindern sowie Taten von etwas älteren männlichen Pfadfindern gegen jugendliche Pfadfinderinnen "im Kontext erster Erfahrungen von Intimität, Liebe und Freundschaft".
Die Hälfte der dokumentierten und analysierten Taten wurden nach der Jahrtausendwende begangen. Die Studienverfasser weisen aber mit Blick auf die schriftliche Quellenlage etwa darauf hin, dass "erst ab ca. 2010 von einer systematischen Dokumentation von Fällen gesprochen werden kann". Aufgrund der Methodik gelte trotz des umfangreichen Materialbasis, dass alle quantitativen Daten nur eine "beschränkte Aussagekraft" hätten und kein repräsentativer Gesamtüberblick seien.
Dem Bericht zufolge waren zwei von drei Opfern bei Tatbeginn zwischen 13 und 17 Jahre alt. 60 Prozent waren weiblich, 40 Prozent männlich und ein Prozent divers. Von den 161 ermittelten Beschuldigten waren 158, also fast alle, männlich. Lediglich drei von ihnen waren Frauen. Nahezu die Hälfte der Beschuldigten war zwischen 18 und 24 Jahre alt.
Als ein für den Verband typisches zusätzlichen Risikofaktor nennt die Studie unter anderem eine "Idealisierung des Gemeinschaftsgefühls" sowie eine verbundene "kollektive Verklärung", die Abhängigkeiten und Machtgefälle ermögliche. Die bei vielen Aktiven stark ausgeprägte emotionale Bindung an das Pfadfindertum führe dazu, dass Übergriffe aus Angst vor Zugehörigkeitsverlust hingenommen würden. Problematisch seien auch Rituale und Traditionen mit "teilweise grenzverletzenden Tendenzen" sowie vereinzelt Interventionen aus Kirchengemeinden.
Der VCP selbst äußerte sich in einer ersten Reaktion unter anderem auch selbstkritisch zum Umgang mit Verdachtsfällen aus den 80er und 90er Jahren. Diese seien intern "aufgrund einer fehlenden Idee von Aufarbeitung lange Zeit 'abgefertigt' beziehungsweise ignoriert" worden. Betroffene seien vom Verband "in doppelter Weise im Stich" gelassen worden - zunächst als Jugendliche und später als Erwachsene.
F.Ramirez--AT