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UNO erklärt offiziell Hungersnot im Gebiet der Stadt Gaza - Netanjahu empört
Nach wochenlangen Mahnungen hat die UNO für das Gebiet der Stadt Gaza nun offiziell eine Hungersnot erklärt. Es gebe "belastbare Beweise" dafür, dass für die Region die schlimmste Stufe der IPC-Skala zum Hungermonitoring erreicht sei, erklärte die dafür zuständige und in Rom ansässige UN-Initiative. Es ist das erste Mal überhaupt, dass im Nahen Osten offiziell eine Hungersnot erklärt wurde. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu wies dies empört zurück.
UN-Nothilfechef Tom Fletcher beschuldigte Israel am Freitag, für die katastrophale Lage verantwortlich zu sein. "Diese Hungersnot hätten wir vermeiden können, wenn man es uns erlaubt hätte", sagte er vor Journalisten in Genf. Aber die bereitstehenden Hilfsgüter "stapeln sich wegen der systematischen israelischen Blockade an den Grenzen".
UN-Menschenrechtschef Volker Türk warnte: "Aushungerung als Mittel der Kriegsführung zu nutzen, ist ein Kriegsverbrechen." UN-Generalsekretär António Guterres forderte "eine sofortige Waffenruhe, die Freilassung aller Geiseln und einen uneingeschränkten humanitären Zugang". Die Situation dürfe nicht ungestraft so bleiben, fügte er hinzu.
Der UN-Bericht sei eine "glatte Lüge", erklärte dagegen Netanjahu. Israel verfolge keine "Politik des Verhungerns", betonte der Ministerpräsident und verwies auf die Lieferung von humanitärer Hilfe in den Gazastreifen.
Zuvor hatte das israelische Außenministerium erklärt, die IPC-Skala stütze sich auf "Hamas-Lügen", die von "Organisationen mit eigenen Interessen" gefiltert würden.
Die IPC-Experten beurteilten für ihre Einschätzung die Situation im Gazastreifen bis zum 15. August. Demnach waren 500.000 Menschen im Gazastreifen zu diesem Zeitpunkt im Bereich der Stadt Gaza betroffen. Der betroffene Regierungsbezirk mit der Stadt Gaza entspricht rund 20 Prozent des Gazastreifens. Die Experten gehen davon aus, dass sich die humanitäre Lage weiter verschlechtert und auch die Gegenden um die Städte Deir el-Balah und Chan Junis in dem Palästinensergebiet bis Ende September offiziell als Gebiete mit Hungersnot eingestuft werden.
Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas forderte, der UN-Sicherheitsrat müsse umgehend handeln, "um den Krieg zu beenden und die Blockade" von Hilfslieferungen aufzuheben. Die Grenzübergänge in den Gazastreifen müssten "ohne Beschränkungen" geöffnet werden.
Die Bundesregierung rief Israel erneut auf, humanitäre Hilfe im Gazastreifen zuzulassen. Zudem müsse sichergestellt werden, "dass diese auch in der Breite und Fläche des Gazastreifens verteilt werden kann und dort ankommt", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts.
Die Hilfsorganisation Save the Children wies daraufhin, dass den IPC-Angaben zufolge die Hälfte der Betroffenen im Gebiet der Stadt Gaza Kinder seien. Viele Folgen der Hungersnot seien "irreversibel, insbesondere für Kinder", erklärte Lisa Görgen von Save the Children Deutschland.
Auch für humanitäres Personal werde es immer schwieriger, Hilfe zu leisten, erklärte Samah Wadi, die für die Hilfsorganisation Care in einem Gesundheitszentrum in Deir el-Balah arbeitet: "Wir alle hungern, auch wir verlieren die Kraft, die wir für unsere tägliche Arbeit brauchen."
Der britische Außenminister David Lammy erklärte: "Die Weigerung der israelischen Regierung, ausreichend Hilfe nach Gaza zu lassen, hat diese menschengemachte Katastrophe ausgelöst." Das sei ein "moralischer Skandal".
Die EU-Kommissarin für Krisenmanagement, Hadja Lahbib, sprach von einem "Wettlauf gegen die Zeit". Im Onlinedienst X forderte sie Israel "dringend auf, allen Menschen in Not ungehinderten und dauerhaften Zugang zu humanitärer Hilfe zu gewähren".
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bezeichnete die offiziell erklärte Hungersnot als "erschütternd" und zugleich als "völlig vorhersehbar". Israel müsse die Grundbedürfnisse der Zivilbevölkerung im Gazastreifen nach Wasser, Nahrung und Medikamenten erfüllen, erklärte die Organisation.
Eine Hungersnot gilt laut IPC-Kriterien, wenn von 10.000 Menschen täglich mindestens zwei aufgrund von Hunger oder durch Unterernährung verursachte Krankheiten sterben, wenn mindestens 30 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren akut unterernährt sind und ein Fünftel aller Haushalte an extremen Lebensmittelmangel leiden.
Israels Verteidigungsminister Israel Katz drohte indes mit der Zerstörung der Stadt Gaza, sollte die islamistische Hamas nicht zu ihrer Entwaffnung und der Freilassung aller noch festgehaltenen Geiseln bereit sein. "Bald werden sich die Tore der Hölle über den Köpfen der Mörder und Vergewaltiger der Hamas in Gaza öffnen - bis sie den Bedingungen Israels für die Beendigung des Krieges zustimmen", schrieb er in Onlinenetzwerken.
Netanjahu hatte am Donnerstag die Aufnahme "sofortiger Verhandlungen" zur Freilassung "aller Geiseln" angeordnet. Er fügte hinzu, dass er bereit sei, die Pläne des bereits angelaufenen Armeeeinsatzes "zur Eroberung der Stadt Gaza" zu genehmigen, die darauf abzielten, die Hamas "zu besiegen".
Ausgelöst worden war der Krieg im Gazastreifen durch den Großangriff der Hamas und mit ihr verbündeter Kämpfer auf Israel am 7. Oktober 2023. Dabei wurden israelischen Angaben zufolge mehr als 1200 Menschen getötet, 251 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.
Israel geht seit dem Hamas-Großangriff massiv militärisch im Gazastreifen vor. Dabei wurden nach Angaben der Hamas-Behörden, die nicht unabhängig überprüft werden können, bislang mehr als 62.190 Menschen getötet.
W.Stewart--AT