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Taliban-Chef verbittet sich bei Stammesversammlung Einmischung des Auslands
Bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte hat der Chef der radikalislamischen Taliban in Afghanistan sich Einmischung aus dem Ausland verbeten. "Warum mischt sich die Welt in unsere Angelegenheiten ein?", sagte Hibatullah Achundsada am Freitag bei seinem überraschenden Auftritt in der traditionellen Stammesversammlung, der sogenannten Loja Dschirga, in Kabul. Für Afghanistan komme nur das islamische Recht der Scharia in Frage.
"Sie sagen: 'Warum macht Ihr nicht dies, warum macht Ihr nicht jenes'", kritisierte Achundsada die internationale Gemeinschaft in einer einstündigen Rede, die vom Staatsrundfunk übertragen wurde. "Warum mischt sich die Welt in unsere Arbeit ein?" Die Taliban-Vertreter müssten "Härten erdulden", weil die "gegenwärtige Welt es nicht leicht akzeptieren wird, dass Ihr das islamische System umsetzt".
Der um die 70 Jahre alte Achundsada verlässt Kandahar, die Geburtsstätte und Hochburg der Taliban im Süden Afghanistans, nur sehr selten. Abgesehen von einem undatierten Foto und mehreren Aufnahmen seiner Reden hat der Taliban-Chef praktisch keine Spuren in der Öffentlichkeit hinterlassen. Experten zufolge ist die Führungsrolle des früheren Scharia-Richters bei den afghanischen Taliban jedoch unumstritten.
Über seine Teilnahme an der Loja Dschirga in Kabul war seit Tagen spekuliert worden. In der Versammlungshalle wurde er mit Jubel und Gesängen empfangen. "Lang lebe das Islamische Emirat Afghanistan", skandierten die Anwesenden.
Seit Donnerstag sind in Kabul mehr als 3000 Geistliche und Stammesälteste versammelt, um drei Tage lang die drängendsten Probleme des Landes zu besprechen. Medienvertreter sind zu dem Treffen nicht zugelassen.
Eine Taliban-Quelle hatte der Nachrichtenagentur AFP diese Woche gesagt, dass bei der Stammesversammlung Kritik an der Regierung erlaubt sei. Auch äußerst umstrittene Themen wie der Bildungszugang von Mädchen würden diskutiert. Die Taliban haben Frauen von Regierungsposten ausgeschlossen, Frauen dürfen nicht mehr unbegleitet reisen und müssen ihren Körper vollständig verhüllen.
An der Loja Dschirga nimmt keine einzige Frau teil. Die Frauenrechtlerin Rasia Baraksai sagte AFP zur Ausgrenzung von Mädchen und Frauen: "Das Leben wurde den afghanischen Frauen weggenommen."
Die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet warf den Taliban am Freitag in einer Debatte im UN-Menschenrechtsrat in Genf "systematische Unterdrückung" von Frauen und Mädchen vor. "Seit der Machtübernahme der Taliban erleben die Frauen und Mädchen den umfassendsten und schnellsten Verlust ihrer Rechte (...) seit Jahrzehnten", sagte Bachelet. "Ihre Zukunft wird noch finsterer sein, wenn sich nicht schnell etwas ändert."
In Afghanistan wird die "Loja Dschirga" (großer Rat) traditionell einberufen, um schwierige Entscheidungen zu treffen und Streitigkeiten beizulegen. Das jetzige Treffen erfolgt eine Woche nach einem verheerenden Erdbeben im Osten des Landes mit mehr als tausend Toten. Zehntausende Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf. Achundsada erwähnte die Katastrophe in seiner einstündigen Ansprache nicht.
Schon vor dem Beben kämpften die Taliban mit der Verwaltung eines Landes, das fast vollständig von ausländischen Finanzhilfen abhängig ist, die nach der Taliban-Machtübernahme vor rund einem Jahr aber weitgehend eingestellt wurden.
O.Gutierrez--AT