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Baerbock beklagt in Kiew "dramatische" Zuspitzung an Front und fordert mehr Luftabwehr
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat am Dienstag die Ukraine besucht und mehr internationale Unterstützung für die Luftabwehr des Landes gefordert. Die Lage an der Front habe sich "dramatisch zugespitzt", erklärte Baerbock. Die russische Armee rückte nach Angaben Moskaus in der umkämpften Stadt Wowtschansk weiter vor und brachten inzwischen fast die Hälfte des Stadtgebiets unter ihre Kontrolle. Sie hatte am 10. Mai im Nordosten der Ukraine in der Region Charkiw eine Bodenoffensive gestartet.
Baerbock, die am Dienstagmorgen per Zug zu einem unangekündigten Besuch in der Hauptstadt Kiew eintraf, verurteilte die "massiven russischen Luftangriffen" auf die zivile Infrastruktur in der Ukraine und sprach von einer "brutalen russischen Offensive im Raum Charkiw".
Die Bundesregierung werde sich bei ihren westlichen Partnern weiter dafür einsetzen, dass sie Kiew weitere Systeme zur Luftverteidigung bereitstellten, erklärte Baerbock. "Um die Ukraine vor dem russischen Raketen- und Drohnenhagel zu schützen, braucht sie dringend mehr Luftabwehr."
"Wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln, damit die Ukraine bestehen kann, damit die Ukrainerinnen und Ukrainer auch in Zukunft selbstbestimmt leben können. Und damit Putins Truppen nicht bald vor unseren eigenen Grenzen stehen", fügte die Grünen-Politikerin hinzu.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte in der vergangenen Woche erneut einen massiven Mangel an Waffen zur Luftverteidigung seines Landes beklagt. Er warnte davor, dass die russische Offensive in der Region Charkiw nur eine "erste Welle" russischer Angriffe sein könnte.
Die russischen Truppen versuchen unter anderem die Stadt Wowtschansk einzunehmen. Sie kontrollierten inzwischen "etwa 40 Prozent" des Stadtgebiets, sagte der von Moskau eingesetzte Vertreter für die russisch besetzten Teile der Region Charkiw, Witali Gantschew, am Dienstag im russischen Fernsehen. Ein ukrainischer Militärsprecher sagte, die Kämpfe dort seien "weiterhin schwierig und ändern sich dynamisch".
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden seit Beginn der russischen Offensive in der Region mehr als 14.000 Menschen vertrieben. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) äußerte sich "äußerst besorgt" über die Zunahme "der humanitären Bedürfnisse und die Zwangsumsiedlungen" infolge der Kämpfe.
Die Behörden in der russischen Grenzregion Belgorod meldeten derweil einen weiteren Angriff der ukrainischen Armee. Ein Auto sei in dem Dorf Oktjabrsky von einer Drohne getroffen worden, erklärte Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow im Onlinedienst Telegram. Eine Frau sei dabei getötet worden. Drei weitere Insassen des Autos wurden laut Gladkow verletzt.
In der von Russland kontrollierten Stadt Donezk im Osten der Ukraine wurde nach Angaben des von Moskau eingesetzten Bürgermeisters Alexej Kulemsin außerdem ein Mann durch ukrainischen Beschuss getötet. Im von Russland kontrollierten Teil der Region Saporischschja wurde nach Angaben der Moskau-treuen Behörden ein weiterer Mann getötet.
Baerbock war zuletzt Mitte Februar in die Ukraine gereist. Mit ihrem erneuten Besuch in Kiew wolle sie gegenüber den ukrainischen Gesprächspartnern auch in Anbetracht der sich zuspitzenden Lage in den Kampfgebieten bekräftigen, "dass Deutschland und Europa weiter fest an der Seite der Ukraine stehen und in ihrer Unterstützung nicht nachlassen werden".
"Unsere Unterstützung ist verwurzelt in der tiefen Überzeugung, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnen wird", betonte Baerbock in Kiew. Kreml-Chef Wladimir Putin spekuliere darauf, "dass uns irgendwann die Luft ausgeht, aber wir haben einen langen Atem", sagte sie. Die Menschen in der Ukraine könnten dauerhaft auf die Unterstützung aus Deutschland und von weiteren Verbündeten bauen.
O.Brown--AT