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Israels Militär rückt in Rafah weiter vor - Hunderttausende verlassen die Stadt
Nach Aufforderungen zur Evakuierung hunderttausender Menschen ist das israelische Militär in Rafah im Süden des Gazastreifens weiter vorgerückt. Augenzeugen berichteten am Sonntag von Luftangriffen nahe des Grenzübergangs zu Ägypten. Laut der israelischen Armee sind die Einsätze "begrenzt" und "konzentrieren sich auf taktische Vorstöße"; dicht besiedelte Gebiete würden vermieden. Auch in nördlichen Gebieten des Gazastreifens wurden die Kämpfe demnach fortgesetzt. UN-Generalsekretär António Guterres wiederholte seine Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe.
In Rafah bereiteten sich am Wochenende zahlreiche Bewohner auf eine Flucht vor und stapelten Wassertanks, Matratzen und andere Habseligkeiten auf Fahrzeuge. "Wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen", sagte Farid Abu Eida, der bereits aus der Stadt Gaza vor den Kämpfen nach Rafah geflohen war. Im Gazastreifen gäbe es keinen sicheren oder nicht völlig überfüllten Ort mehr.
Das israelische Militär rief die Bewohner auf, Gebiete im Osten und im Zentrum von Rafah "unverzüglich" zu verlassen. Schon am Montag waren die Bewohner im östlichen Teil der Stadt zur Evakuierung aufgefordert worden. Den Angaben zufolge verließen seitdem 300.000 Menschen die Stadt in Richtung einer "humanitären Zone" in der rund zehn Kilometer entfernten Ortschaft al-Mawasi an der Küste.
EU-Ratspräsident Charles Michel nannte die israelischen Aufrufe zur Evakuierung "inakzeptabel". Im Onlinedienst X rief er die israelische Regierung auf, "das humanitäre Völkerrecht zu respektieren" und "keine Bodenoperation in Rafah durchzuführen". Der britische Außenminister David Cameron sagte im Sender Sky News, für eine größere Offensive in Rafah müsse Israel einen "klaren Plan" für den Schutz der Zivilbevölkerung vorlegen.
In der Grenzstadt zu Ägypten haben mehr als eine Million Menschen Zuflucht vor den Kämpfen gesucht. Das Kuwait-Krankenhaus in Rafah gab am Sonntag an, dass innerhalb von 24 Stunden die Leichen von 18 Menschen eingeliefert worden seien, die bei israelischen Angriffen auf die Stadt ums Leben gekommen seien. Auch mehrere Verletzte seien aufgenommen worden.
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hält ungeachtet des internationalen Drucks an den seinen Plänen für eine Bodenoffensive in Rafah fest. Israel sieht die Stadt im Süden des Gazastreifens als letzte Bastion der radikalislamischen Hamas. Der Einsatz zielt israelischen Angaben zufolge auch darauf ab, dort vermutete Geiseln zu befreien.
Dem israelischen Militär zufolge wurden "Dutzende Terroristen im Osten Rafahs eliminiert". Zudem seien "zahlreiche unterirdische Tunnelschächte" gefunden worden. Weiter erklärte Armeesprecher Daniel Hagari am Samstag, dass auch im Norden des Gazastreifens die Kämpfe wieder aufgenommen worden seien. Die Armee habe "in den letzten Wochen Versuche der Hamas festgestellt, ihre militärischen Fähigkeiten in Dschabalija wieder aufzubauen". Dagegen werde vorgegangen. Auch in der Stadt Gaza gäbe es Einsätze.
Unterdessen drängte UN-Generalsekretär Guterres bei einer internationalen Geberkonferenz in Kuwait auf "eine sofortige humanitäre Waffenruhe, die bedingungslose Freilassung aller Geiseln und eine sofortige Zunahme von humanitärer Hilfe" für den Gazastreifen. Eine Waffenruhe sei jedoch nur der Anfang, betonte er. "Es wird ein langer Weg zurück von den Verwüstungen und dem Trauma dieses Krieges sein."
"Es würde morgen einen Waffenstillstand geben, wenn die Hamas die Geiseln freilässt", sagte US-Präsident Joe Biden am Samstag bei einer Benefizveranstaltung in der Nähe von Seattle. Einem Bericht vom Freitag zufolge halten die Vereinigten Staaten es für wahrscheinlich, dass Israel beim Einsatz von US-Waffen im Gazstreifen gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen haben könnte.
Der Krieg im Gazastreifen war vor mehr als sieben Monaten durch den beispiellosen Großangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober ausgelöst worden. 1170 Menschen wurden damals nach israelischen Angaben brutal getötet, rund 250 weitere als Geiseln verschleppt. Israel zufolge befinden sich 128 Geiseln noch immer in der Gewalt der Hamas und weiterer militanter Palästinensergruppen. 36 von ihnen sollen bereits tot sein.
Der bewaffnete Arm der Hamas erklärte am Samstag im Onlinedienst Telegram, dass eine britisch-israelische Geisel gestorben sei. Zuvor hatte die Palästinenserorganisation ein Video des Mannes veröffentlicht, der von Vertretern der Geiseln als Nadav Popplewell identifiziert wurde. Die israelische Armee äußerte sich nicht zu den Aufnahmen.
Seit dem Angriff der Hamas geht Israel massiv militärisch im Gazastreifen vor. Dabei wurden nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums, die sich nicht unabhängig überprüfen lassen, inzwischen mehr als 35.000 Menschen getötet.
W.Nelson--AT