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Kolumbianer suchen nach stärkstem Beben seit einem Jahrzehnt nach Verschütteten
Nach dem stärksten Erdbeben seit einem Jahrzehnt suchen in Kolumbien Einsatzkräfte und Freiwillige in den Trümmern nach Überlebenden. Teils nur mit bloßen Händen und erschwert durch Stromausfälle gruben sie am Dienstag weiter nach Verschütteten. Laut dem Kommunalverband Asocapitales wurden seit dem Unglück vom Montag bislang 132 Todesopfer und mehr als 570 Verletzte gezählt. Der neue Staatschef Abelardo de la Espriella rief den Katastrophenfall aus.
Der erst seit Freitag amtierende De la Espriella sagte kurz nach dem Beben, es seien tausende Häuser zerstört oder beschädigt worden. Er sprach zunächst von mindestens 111 Toten und 87 Verletzten. Später erklärte Asocapitales, eine Vereinigung zur Koordination von Maßnahmen in den wichtigsten Städten des südamerikanischen Landes, mindestens 132 Menschen seien durch das Beben ums Leben gekommen und mehr als 570 weitere verletzt worden.
Das Beben der Stärke 7,4 hatte sich am Montagmorgen um 07.34 Uhr (Ortszeit, 14.34 Uhr MESZ) ereignet. Das Epizentrum lag nahe der westkolumbianischen Gemeinde San José del Palmar im Departamento Chocó, einer relativ armen Region an der Pazifikküste. Gouverneurin Nubia Carolina Córdoba-Curi erklärte im Kurzbotschaftendienst X, in der Regionalhauptstadt Quibdó habe es "Verletzte und schwere Schäden an Häusern" gegeben.
"Die Menschen rannten nackt nach draußen, sie sprangen aus dem zweiten Stock ihrer Häuser", berichtete der Jurastudent Wilmer Cuesta in Quibdó der Nachrichtenagentur AFP. In der Stadt kamen laut einer Behördenvertreterin die Kommunikation und die öffentliche Versorgungsinfrastruktur praktisch zum Erliegen. Auch nahegelegene Städte im Westen des Landes wurden erschüttert, teilweise brach Panik aus. Bis zum Abend wurden 47 Nachbeben registriert.
Besonders betroffen war das für den Kaffee-Anbau bekannte Departamento Risaralda mit der Regionalhauptstadt Pereira im Westen des Landes, das auch bei Touristen beliebt ist. Dort gab es den Behörden zufolge dutzende Tote. In der Nacht zu Dienstag lag die Stadt weitgehend in Dunkelheit, da die Erdbebenschäden zu Stromausfällen führten.
"Das hier wirkt echt wie eine Zombie-Stadt", sagte der Einwohner Juan David Gaitan AFP. Der Tätowierer Andrés Hernández sagte, er werde sich nicht schlafen legen, weil die Bauten um ihn herum "kurz vor dem Einsturz" stünden.
Viele Todesopfer gab es auch im Departamento Valle del Cauca mit der Regionalhauptstadt Cali, der drittgrößten Stadt des Landes. Dort verhängten die Behörden eine nächtliche Ausgangssperre. Aus der ebenfalls in der Kaffee-Region gelegenen Stadt Manizales wurden ebenfalls Tote gemeldet. Dort stürzte unter anderem einer der Türme der bekannten Kathedrale ein.
In Cali gruben Helfer nach Angaben eines AFP-Korrespondenten teils mit bloßen Händen nach Überlebenden. Sie bildeten Menschenketten, um Trümmerteile fortzuschaffen, und hielten alle paar Minute inne, um auf Rufe unter den Trümmern zu achten.
Unter den hunderten Freiwilligen war Nelson Moreno, der nach einer Freundin suchte, die unter den Trümmern von zwei fünfstöckigen Gebäuden eingeschlossen wurde. "Jetzt brauchen wir Taschenlampen und Schutzbrillen gegen den Staub", um die Arbeiten in der Nacht fortzusetzen, sagte er. Fachleuten zufolge sind nach einem Erdbeben die ersten 72 Stunden entscheidend, um noch Verschüttete zu retten.
An den kleineren Flughäfen in Pereira, Manizales, Quibdó, Armenia, Cartago und Buenaventura wurde der Flugverkehr nach Angaben der Luftfahrtbehörde "aus Sicherheitsgründen" ausgesetzt. In Bogotá wurden Gebäude evakuiert, die Schäden in der kolumbianischen Hauptstadt beschränkten sich nach Worten von Bürgermeister Carlos Galán aber auf Risse in Gebäuden. Viele Menschen liefen in Panik auf die Straßen, als die Alarmsirenen ertönten. Die 29 Jahre alte Valeria Polo in Bogotá sagte, das Beben sei "sehr, sehr stark" gewesen.
Zahlreiche Länder, darunter Frankreich, Israel und Mexiko, boten Kolumbien nach dem Beben Hilfe an. Die USA gaben nach Angaben des Außenministeriums 15,5 Millionen Dollar (13,4 Millionen Euro) frei. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, die EU sei bereit, Unterstützung zu leisten. "Wir haben bereits unseren Satellitendienst Copernicus mobilisiert, um bei den Rettungseinsätzen zu helfen", schrieb sie auf X.
Emotionale Unterstützung kam von Kolumbiens Superstar Shakira. Die Sängerin sandte im Onlinedienst X "meine ganze Kraft und meine ganze Liebe an meine Heimat".
Journalisten der Nachrichtenagentur AFP zufolge waren die Erdstöße auch in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito sowie in Panama und Venezuela zu spüren gewesen. Die Behörden in Panama erklärten, mögliche Schäden in der schwer zugänglichen Grenzregion Darién zu prüfen.
Zuletzt hatten im Juni zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 Kolumbiens Nachbarland Venezuela erschüttert. Dort stieg die Opferzahl inzwischen auf mehr als 6300, wie Parlamentspräsident Jorge Rodríguez am Montag mitteilte. Beide Länder liegen in einer Region, in der drei tektonische Erdplatten aufeinander stoßen.
M.King--AT