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Lehrer Engin Çatık beschreibt ungleiche Startbedingungen und die Bedeutung von Vertrauen
In einer veröffentlichten Leseprobe schildert Engin Çatık seine Kindheit in Berlin-Marienfelde und die Folgen familiärer Armut. Der Lehrer widerspricht der Vorstellung, sein eigener Aufstieg belege gleiche Chancen für alle.
Der Berliner Lehrer Engin Çatık verbindet in seinem Buch „Ich gebe niemanden auf“ seine eigene Familiengeschichte mit Beobachtungen aus dem Schulalltag. In einer vom Freitag veröffentlichten Leseprobe beschreibt er, wie materielle Unsicherheit, Scham und fehlende Unterstützung die Lernbedingungen von Kindern beeinflussen. Der Text entstand mit Ebru Taşdemir.
Çatık wendet sich gegen die Schlussfolgerung, sein persönlicher Weg zeige, dass jeder mit genügend Anstrengung erfolgreich sein könne. Er habe sich angestrengt und sei ehrgeizig gewesen, betont aber zugleich die Rolle von Glück. Kinder hätten keinen Einfluss darauf, in welche Familie sie geboren würden, welche Sprache zu Hause gesprochen werde, wie viel Geld verfügbar sei oder welche Sicherheiten sie vorfänden.
Mit Glück verbindet er auch die Erfahrung, von anderen wahrgenommen zu werden. Entscheidend könne sein, ob jemand einem Kind etwas zutraue, Fehler verzeihe, Nähe vermittle und an seine Möglichkeiten glaube. Solche Erfahrungen seien neben der eigenen Anstrengung Teil seines Weges gewesen. Deshalb versteht er Hinweise auf seinen Erfolg nicht als Beleg dafür, dass bestehende Startbedingungen für alle überwindbar seien.
Seine Kindheit verbrachte Çatık in einer Hochhaussiedlung in Marienfelde im Süden Berlins. Das Haus hatte neun Stockwerke mit jeweils neun Wohnungen pro Etage. Vom Balkon der Familienwohnung im sechsten Stock war der ehemalige Grenzstreifen zu sehen, nur wenige Hundert Meter entfernt. Dieses Umfeld unterscheidet sich nach seiner Darstellung von dem Berlin, das viele später zugezogene Akademiker und wirtschaftlich erfolgreiche Menschen kennengelernt haben.
Bei heutigen Hintergrundgesprächen und Podiumsrunden treffe er häufig Menschen, die erst zum Studium oder wegen eines guten Arbeitsplatzes in die Stadt gekommen seien. Manche gebürtige Berliner in diesen Runden stammten aus wohlhabenderen Milieus des früheren West-Berlins. Obwohl über dieselbe Stadt gesprochen werde, seien die zugrunde liegenden Erfahrungen verschieden.
Çatık beschreibt insbesondere Unterschiede im sicheren Auftreten. Gespräche über Politik, Literatur und gesellschaftliche Fragen gehörten in anderen Familien bereits zum Alltag. Menschen, die in prekären Verhältnissen aufgewachsen seien, müssten erst lernen, wie man in solchen Räumen spreche, widerspreche und selbstbewusst auftrete. Er selbst habe entsprechende intellektuelle Gespräche auch während seines Studiums noch nicht selbstverständlich geführt.
Marienfelde steht zugleich für unterschiedliche Phasen der deutschen Migrationsgeschichte. Das Notaufnahmelager nahm zwischen 1953 und 1990 mehr als eine Million Menschen auf, die aus der DDR geflohen waren. Nach dem Mauerfall kamen vor allem Aussiedler aus der früheren Sowjetunion. In den späten 2000er-Jahren wurde es zu einem Heim für Asylbewerber umgewandelt und wird weiterhin so genutzt.
Çatık stammt aus einer türkischen Familie. Seine Großeltern kamen nach dem Anwerbeabkommen von 1961 als Gastarbeiter nach Deutschland. Die Eltern wurden als Kinder nachgeholt und lebten in derselben Nachbarschaft in Tempelhof. Zunächst besuchten beide sogenannte Ausländerklassen für Gastarbeiterkinder, die von türkischen Lehrkräften unterrichtet wurden. Erst später wechselten sie in Regelklassen.
Als Kind habe er diese Familiengeschichte noch nicht als Teil einer größeren historischen Entwicklung verstanden. Großeltern und Eltern seien für ihn zuerst vertraute Menschen gewesen, nicht Vertreter bestimmter migrationspolitischer Kategorien. Heute ordnet er seinen Kiez auch als einen Ort von Ankunft, Weggang, Flucht und Vertreibung ein.
Nach der Trennung seiner Eltern zog der Vater in eine kleine Wohnung über der Familie. Noch bevor Çatık zehn Jahre alt war, kam sein Vater ins Gefängnis. Für ihn und seine Schwester blieb der Vater dennoch präsent, wenn auch auf eine schwierige Weise. Die Trennung bedeutete nach seiner Erinnerung deshalb nicht, dass die Beziehung zu ihrem Vater aus dem Alltag der Kinder verschwand. Einzelheiten dazu werden in dem veröffentlichten Abschnitt nicht ausgeführt.
Die Mutter trug anschließend noch mehr Verantwortung für die vier Kinder. Sie arbeitete, erledigte Einkäufe, kochte und organisierte Termine. Im Wohnzimmer lagen Briefe, darunter Bescheide, Nachforderungen und Schreiben von Behörden. Manche waren geöffnet, andere blieben liegen. Çatık erinnert sich an Phasen, in denen seine Mutter den Überblick behielt, und an andere, in denen sie sichtbar überfordert war. Nachts hörte er sie häufig weinen und fühlte sich als Kind machtlos.
Seine Mutter arbeitete im Restaurant einer Tante und eines Onkels von Çatık sowie in einer Bäckerei. Ihr Einkommen reichte jedoch nicht aus, um die vier Kinder allein zu versorgen; die Familie erhielt zusätzlich Sozialleistungen. Die Armut sei von außen nicht unbedingt erkennbar gewesen. Trotz Erschöpfung vermittelte sie den Kindern Liebe, Zuspruch und den Glauben an Chancen, auch wenn sie nicht bei den Hausaufgaben helfen konnte. Çatık beschreibt sie dabei nicht als unverwundbar: Sie war müde und konnte ihre Überlastung auch deutlich aussprechen. Dennoch machte sie weiter und signalisierte den Kindern, dass ihr Leben Möglichkeiten bereithielt.
Wie eng Geldmangel mit Scham verbunden sein kann, erläutert Çatık an einer Erinnerung an schwarze Turnschuhe mit Löchern. Weil neue Schuhe nicht bezahlt werden konnten, trug er schwarze Socken, damit die Löcher möglichst wenig auffielen. Die Angst vor sichtbarer Armut könne nach seiner Erfahrung bereits einsetzen, bevor jemand ausdrücklich etwas darüber sage.
Als weitere mögliche Situationen nennt er die Kosten einer Klassenfahrt, das öffentliche Nachfragen nach einem Zuschussformular oder die Sorge, beim Einkauf bei der Tafel erkannt zu werden. Manche Kinder wollten keine Freunde nach Hause einladen oder dächten bei einer Geburtstagseinladung zuerst an das Geld für ein Geschenk. Çatık beschreibt, wie aus materieller Knappheit in der Wahrnehmung eines Kindes eine Frage des eigenen Werts werden könne.
Er warnt außerdem vor vorschnellen Urteilen im schulischen Umfeld. Rückzug könne als fehlender Ehrgeiz verstanden werden. Eltern, die nicht zu Gesprächen kämen, würden mitunter als desinteressiert angesehen. Tatsächlich könnten Arbeitszeiten, schwer verständliche Schulbriefe, belastende Erfahrungen mit Behörden oder Unsicherheit gegenüber einer fremden Gesprächswelt dahinterstehen.
Kinder nähmen diesen Druck auf und reagierten unterschiedlich: Sie zögen sich zurück, verdeckten Mangel, vermieden Nachfragen oder verhielten sich provokant, um einer Bloßstellung zuvorzukommen. Das beanspruche nach Çatıks Beobachtung Energie, Konzentration und Lernfähigkeit. Viele Kinder lernten zudem früh, eigene Wünsche nach Schuhen, Jacken oder Hosen zurückzustellen, um die Eltern nicht zusätzlich zu belasten. Was wie Reife erscheine, könne eine zu früh übernommene Rücksichtnahme sein.
Auch die räumlichen Lernbedingungen seien ungleich. In seinem eigenen Kinderzimmer stand lange kein Schreibtisch. Hausaufgaben machte er auf dem Bett, im Bus oder kurz vor Unterrichtsbeginn. Ein späterer kleiner Computertisch von vielleicht 40 Zentimetern Breite diente vor allem als Ablage für Kleidung. Das Lernen ohne festen Arbeitsplatz war bereits zur Gewohnheit geworden. Ähnliche Unterschiede begegnen ihm heute bei Schülern: Manche haben Ruhe, einen geeigneten Platz und Hilfe; andere müssen ihre Aufgaben zwischen den übrigen Anforderungen des Alltags erledigen.
J.Gomez--AT